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Die Schrift der Reinheit und Gelassenheit (Friede/Stille/Ruhe)
Das
qingjing jing ist ein sehr kurzer (391 Zeichen) aber sehr populärer
daoistischer Text unbekannter Herkunft, der aus der ersten Hälfte
der Tang Dynastie (618-906) stammt.
Er ist im daoistischen Kanon (daozang) unter dem vollen Titel
Tai-shang Lao-chun shou chang ching-ching miao ching enthalten,
ebenso abgekürzt als ching-ching miao ching.
Viele Kommentare wurden über diesen Text geschrieben, der früheste von Tu Kung-ting;
andere von Pai Yu-chan in der Zeit der Sung Dynastie (960-1279)
und von Li Tao-tsun während der Yuan periode (1271-1368).
Weil der vorliegende Text ein von Ko Hsuan verfasstes Nachwort hat,
wird dieser manchmal als Autor vermutet.
Jedoch erscheint es aufgrund der Inhaltsanalyse ziemlich sicher zu sein,
dass die kleine Schrift nicht vor der Zeit der ‚Sechs Dynastien’ (420-589)
geschrieben worden sein kann.
Das Hauptargument dafür ist das starke Vertrauen auf buddhistische Ideen.
Das Hauptthema ist das Erreichen von Reinheit (qing) und Gelassenheit (ching).
Wenn der Mensch in Lage ist sein Bewusstsein von allen Begehrlichkeiten freizumachen,
wird das Bewusstsein gelassen werden;
ist das Bewusstsein ruhig und gelassen wird der Geist von selbst (spontan) klar.
Dann werden die ‚sechs Begehrlichkeiten’ nicht aufsteigen und
die ‚drei Vergiftungen’ werden zerstört werden.
Durch die innere Schau des Menschen in sein Bewusstsein erkennt er
das Nicht-Bewusstsein; durch die äußere Schau des Körpers erkennt er
den Nicht-Körper; betrachtet er diese Dinge aus einer Distanz erkennt man
den Zustand des Nicht-Seins (No-thing).
Versteht man diese drei, sieht man nur die ‚Leere’ als die Natur der Realität;
dann verschwindet alle Täuschung (Irreführung) und Entweihung (Verunreinigung)
und man erreicht den Zustand der ewigen Reinheit und Gelassenheit.
Dieser kurze Text, unter den Daoisten so berühmt wie das Herz-Sutra für die Buddhisten,
wird oft zur Rezitation verwendet und wird immer wieder nachgedruckt mit
einem kurzen Kommentar zur freien Verteilung.
Der Text ist bedeutsam für die daoistische Spiritualität.
Das große Dao, es hat keine Form;
es bringt Himmel und Erde hervor und zieht sie auf.
Das große Dao, es hat keine Gefühle;
es reguliert den Lauf von Sonne und Mond.
Das große Dao, es hat keinen Namen;
es nährt die unzähligen dinge und zieht sie auf.
Wir kennen seinen Namen nicht –
Daher rufen wir es „Dao“.
Das Dao kann rein sein oder trübe,
beweglich oder still.
Der Himmel ist rein, die Erde ist trübe;
der Himmel bewegt sich, die Erde ist still (in Ruhe).
Das Männliche bewegt sich, das Weibliche ist still (friedlich).
Abstammend vom Ursprung
dem Ende entgegenfließend
werden die unzähligen Dinge geboren
Reinheit – die Quelle des Trüben.
Bewegung – die Wurzel der Stille.
Immer rein und still sein;
Himmel und Erde,
sie kehren zum Ursprünglichen zurück.
Der menschliche Geist mag die Reinheit,
aber das Bewusstsein stört ihn.
Das menschliche Bewusstsein mag die Stille,
aber Begehrlichkeiten mischen sich ein.
Befreie dich von Begehrlichkeiten zu deinem Wohle,
und dein Bewusstsein wird ruhig sein.
Säubere dein Bewusstsein,
und der Geist wird rein werden.
Natürlich (dann) werden die sechs Begehrlichkeiten nicht aufsteigen,
die drei Gifte sind zerstört.
Wer das nicht tun kann
hat sein Bewusstsein noch nicht gereinigt,
seine Begehrlichkeiten sind noch nicht gewichen.
Diejenigen, die ihre Begehren losgelassen haben:
beobachte dein Bewusstsein durch Selbstbeobachtung –
und erkenne, dass dort kein Bewusstsein ist.
Dann beobacht den Körper,
schaue auf dich selbst von außen –
und erkenne, da ist kein Körper.
Dann beobachte andere durch Schauen aus der Ferne –
und erkenne, dort sind keine anderen.
Wenn du diese drei erkannt hast,
betrachte die Leere!
Nutze die Leere, die Leere zu betrachten,
und erkenne: da ist keine Leere.
Wenn auch die Leere nicht mehr ist
dann ist auch nicht länger Nicht-Sein.
Ohne auch die Existenz des Nichtseins
ist nur noch Gelassenheit,
tiefgründig und ewig während.
Wenn Gelassenheit sich auflöst in Nichts –
wie können dort Begehrlichkeiten sein?
Wenn keine Begehrlichkeiten aufsteigen
hast du die wahre Stille gefunden.
In wahrer Stille, folge den Dingen;
in wahrer Beständigkeit erkenne die innere Natur.
Für immer folgend, für immer still –
dies ist dauerhafte Reinheit, bleibende Stille.
In Reinheit und Stille,
nach und nach in das wahre Dao eintreten.
Nach dem Eintritt ins wahre Dao ist es erkannt.
Obwohl wir von „erkennen“ sprechen,
ist dort eigentlich nichts zu erreichen.
Vielmehr sprechen wir von erkennen,
wenn jemand mit der Umwandlung der unzähligen Dinge beginnt.
Nur wer das angemessen verstanden hat
ist es wert, die Weisheiten des Dao zu vermitteln.
Der höchste Meister kämpft nicht;
der ”kleine Meister” liebt den Kampf.
Höchste Tugend (Kraft) ist frei von Tugend
(erscheint kraftlos);
“Kleine” Tugend (Kraft) klammert sich an Tugend (seine Kraft).
Alles Anhaften und Festhalten
haben nichts zu tun mit dem Dao und der Tugend (Kraft).
Menschen scheitern, dass Dao zu erkennen
weil ihr Bewusstsein abweichend ist.
Abweichungen im Bewusstsein
bedeutet, dass der Geist beunruhigt ist.
Beunruhigter Geist
da ist Anhaften an die Dinge.
Anhaften an die Dinge,
da ist Suchen und Begehren.
Suchen und Begehren,
da sind Leidenschaften und Kümmernisse.
Leidenschaften, Kümmernisse, Abweichungen und Vorstellungen
beunruhigen und plagen das Bewusstsein und den Körper.
Durch sie verfällt man in Trübheit und Schande,
in Höhen und Tiefen, Leben und Tod.
So versinkt man im Meer der Qualen,
ist man dauerhaft verloren für das wahre Dao.
Das Dao der wahren Beständigkeit
wird ganz natürlich zu denen kommen, die begreifen.
Die, die das Wesen des Dao begreifen
werden dauerhaft (auf ewig ?) in der Reinheit und Stille ruhen.
Übersetzung von Anne aus
"The Taoist Experience" von Liva Kohn
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die Herbst-Übung
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