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078 Das Rennpferd und der Gaul
Ein galoppierendes Rennpferd kann Hunderte von Meilen in einem Tag zurücklegen. Ein Gaul, der im Passgang geht, braucht zehn Tage, um dieselbe Distanz zurückzulegen. Obwohl der eine schnell
und der andere langsam ist, ist das, was sie erreichen doch das gleiche. Was ich erkenne, wenn ich dies betrachte, ist das Dao der relativen Geschwindigkeit einer wirkungsvollen Arbeit.
Im Allgemeinen sind Menschen von Natur aus scharfsinnig oder stumpf und verfügen entweder über größere oder geringere Kraft. Wenn Menschen, die von Natur aus stumpf sind, scharfsinnigen Menschen
nacheifern wollten, oder jene, die von Natur aus schwach sind, es starken Menschen gleichtun wollen, wird es ihnen nicht gelingen, Schritt zu halten, und sie werden sich selbst durch ihre Anstrengungen verletzen.
Daher sagt ein vollendeter Weiser, daß jene, die wissend geboren sind, die besten sind. Jene, die sich dieses Wissen durch lernen aneignen, stehen an nächster Stelle, und jene, die auf dem harten Weg lernen,
kommen an letzter Stelle. Was das Wissen selbst betrifft, so ist es eins. Manche mögen es ruhig, andere flink gewinnen, andere wiederum mit großem Kraftaufwand. Was aber das Erreichte betrifft, so ist es eins.
Von diesen drei Typen von Menschen mag es für den einen leichter, für den anderen schwieriger sein, für einige mag es langsam, für andere schnell gehen, aber alle sind fähig, um das Tao zu wissen
und es zu erlangen. Ein Problem besteht allerdings dann, wenn es einem Menschen an Willen fehlt. Ohne Willen ist es nicht nur unmöglich das Tao zu leben, es ist auch unmöglich,
es nur zu erkennen. Hast Du den Willen, studiere es gründlich, hinterfrage es, erwäge es sorgfältig, verstehe es klar, und führe es ernsthaft aus. Strenge Dich hundert Mal mehr an, als ein gewöhnlicher Mensch,
und Du wirst das Tao tatsächlich meistern. Selbst wenn Du unwissend bist, wirst Du erleuchtet werden; selbst wenn Du schwach bist, wirst Du stark werden – niemand, der dies unternommen hat,
hat je das Reich der tiefen Selbstverwirklichung verfehlt. Dennoch: es gibt viele Taoisten in der Welt, die die Essenz (xing) und das Leben (ming) nicht aufrichtigen Herzens als das Wichtigste ansehen können.
Sie reden von den Tugenden (té) des Dao, aber in ihren Herzen sind sie Bösewichte und Übeltäter. Sie wollen sowohl das Dao nach ihren Vorstellungen erreichen als auch ihre begierigen Ambitionen stillen.
Sie sind leicht zu erzürnen und unfähig, etwas aufzunehmen. Die Intellektuellen unter ihnen sind von ihren Fähigkeiten abhängig, einige wenige „spirituelle“ Aussprüche zu beherrschen, und glauben,
damit den Weg zu besitzen. Daher verachten sie die anderen, begeben sich nicht auf die Suche nach erleuchteten Meistern und suchen
auch keine fähigen Freunde auf. So verkennen sie den Weg, der vor ihnen liegt. Ist dies nicht bedauerlich? Die Stumpfsinnigen verstehen es nicht, Prinzipien zu erforschen,
und können das Falsche nicht vom Richtigen unterscheiden. Nachdem sie einige abwegige Praktiken geübt und auf verschlungenen Nebenwegen herumspielt haben, glauben sie ebenfalls, den Weg gefunden zu haben,
und sind nicht bereit, dieses von Meistern der Weisheit überprüfen zu lassen. So halten sie ihr ganzes Leben an ihren starren Überzeugungen fest
und sind gefangen in ihren Fixierungen, die sie nur schwerlich in der Lage sind, zu durchbrechen. Menschen dieses Schlages sehen in der Angelegenheit von Essenz (xing)
und Leben (ming) nicht die schwierigste Übung in dieser Welt. Wie könnte dies aber mühelos erfahren und vollendet werden? Daher mögen jene, die den Taoismus studieren, so zahlreich sein
wie die Haut einer Kuh – jene, die den Weg auch wirklich vollenden, sind so rar wie das Einhorn. Bist Du eine starke Person und kannst Du so völlig losgelöst von allen Dingen sein,
daß Du direkt und unmittelbar den Weg beschreitest, dann bist Du wie hundertfach geschmiedetes Eisen, verfügst über den unbeugsamen Willen, erleuchtete Meister voller Respekt aufzusuchen
und die wahren Prinzipien von Grund auf zu erforschen, dann ist es gleich, ob Du von Natur aus scharfsinnig oder stumpf bist – am Ende wirst Du auf dem Weg hervortreten
und Deine Jahre wahrlich nicht vergeudet haben.
So die direkten Worte des Meisters Liu I-ming in “Zum Tao erwachen“
Meditationen, Parabeln und Reflexionen – ein Kompendium daoistischer Weisheit
Aus dem Chinesischen übersetzt und herausgegeben von Thomas Cleary („Awakening to the Tao“)

aus dem Amerikanischen unter Heranziehung des chinesischen Originales von Ingrid Fischer-Schreiber
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